Nachts im Dschungel – Von grünen Augen und Killerpilzen

Nachtwanderung im Regenwald von Costa Rica

Wusstest Du, dass mehr als die Hälfte der Tiere in Costa Rica nachtaktiv sind? Erst wenn auch die letzten Sonnenstrahlen im Meer versunken sind und sich die Regenwälder in schwarze Dunkelheit hüllen, erwachen einige der faszinierendsten Geschöpfe des Landes und verlassen ihre Tarnung. Dann wird das Brummen und Zirpen nahezu ohrenbetäubend und im Schutze der Nacht erwacht eine ganz andere, geheimnisvolle Welt zum Leben. Um einen Eindruck dieser dunklen Welt und seiner Bewohner zu bekommen, habe ich mich im Corcovado Nationalpark auf eine magische Nachtwanderung in den Regenwald begeben. Was ich dort erleben dürfte und wessen Augen ich gesehen habe, erfährst Du in diesem Artikel.

Da die Sonne in Costa Rica recht früh untergeht, muss man zum Glück nicht bis spät in die Nacht warten, wenn man den Regenwald im Dunklen erkunden will. Bereits um 19 Uhr fand ich mich deshalb mit flackernder Taschenlampe in völliger Dunkelheit irgendwo am Strand von Drake Bay wieder. Da kurzfristig jemand abgesprungen war, konnte ich an einer der beliebten Nachttouren von Tracie, der dort bekannten „Bug Lady“, teilnehmen und war auf dem Weg zum Treffpunkt.

Ein Lichtermeer im Regenwald

Sonnenuntergang im Corcovado Nationalpark
Sonnenuntergang im Corcovado Nationalpark

Am Treffpunkt angekommen wurden wir mit speziellen Kopflampen ausgestattet, die zwischen einem hellen, weißen Licht und einem schwächeren, roten Licht für lichtscheue Tiere wechseln können. Und schon ein paar Sekunden später hatten wir die ersten Hundert Spinnen und Insekten entdeckt! Oder besser gesagt: ihre Augen.

Mit Begeisterung erklärte Tracie uns, wie wir die winzig kleinen weißen Lichtreflexionen der Wassertropfen von den grünlich funkelnden kleiner Tiere unterscheiden können. Und im Schein der Kopflampen offenbarte sich ein wahres Lichtermeer grüner und weißer Pünktchen zu unseren Füßen und im Wald um uns herum. Unglaublich, doch als Tracie sich einen der winzigen Punkte aussuchte und wir uns davor herunterbeugten, saß dort tatsächlich eine winzige Spinne.

Ich hatte mich auf riesige Vogelspinnen und gefährliche Schlangen gefasst gemacht, doch diese simple Erfahrung hat mich unglaublich fasziniert. Normalerweise hätte ich diesen kleinen Lichtpunkten vermutlich kaum Beachtung geschenkt, oder sie nicht einmal wahrgenommen. Doch auf einmal offenbarte sich diese unglaubliche Vielzahl kleiner Lebewesen, ein wahrer Mikrokosmos, dass sich meine komplette Wahrnehmung veränderte.

✍ Falls Du es noch nie ausprobiert hast, dann schnapp dir eine Taschenlampe, halte sie genau auf Augenhöhe und geh in deinem Garten oder im nächsten Wald auf Lichtersuche!

Von Fantasy-Wesen und Meisterjägern

Nach dieser kleinen Einführung machten wir uns also auf die Suche nach auffälligeren Lichtreflexen und den selteneren Bewohnern des Waldes. Dank der geschulten Augen von Tracie und ihrem Mann Gianfranco wurden wir auch schnell fündig und bekamen einige faszinierende Exemplare zu Gesicht. In einem Baum trafen wir zunächst auf zwei schlafende Heliconius Schmetterlinge, bevor wir die blitzenden Augen einer Chunk-headed Snake bemerkten.

Kurz darauf entdeckten wir an einer Wand mehrere Geißelspinnen, von denen Tracie zur Vorführung eine auf die Hand nahm. Die Harry Potter-Fans unter euch werden sich hier vielleicht an Mad-Eye Moodys Vorführung der unverzeihlichen Flüche erinnern – doch keine Sorge, Tracies Stab kann nicht zaubern und der Geißelspinne geht es gut.

Geißelspinne bei Nacht
Geißelspinne

Wie aus einem Fantasy-Film wirkten zuerst auch die Entdeckungen an der nächsten Wurzelwand. Denn dort konnte man mit wachem Auge ein paar winzige, türartige Hervorstehungen ausmachen, die Tracie mit ihrem Stab vorsichtig öffnete. Zum Vorschein kamen wahrhaftige kleine Türen, hinter denen ein Tunnel in die Erde hineinführt! Doch zur Enttäuschung einiger waren es leider keine Feenhäuser, sondern Spinnenhöhlen.

Getarnte Spinnenhöhle
Eingang zur Spinnenhöhle

Die wohl seltenste Entdeckung an diesem Abend war ein vom sogenannten Killerpilz getötetes Insekt. Das arme wahr offenbar mit Pilzsporen des berüchtigten Cordyceps Fungus in Kontakt geraten, der sich wahrhaftig in seinen Wirt hineinbohrt, Gewebe ersetzen und kontrollieren kann und schließlich kleine Stiele mit Pilzsporen aus dem Körper seines Opfers herauswachsen lässt. Der Pilz zwingt dann das befallene Insekt, bis nach ganz oben eines Pflanzenstiels zu klettern, wo es sich festbeißt und stirbt, damit der Wind die Pilzsporen möglichst weit verbreiten kann.

Cordyceps Fungus Killerfungus
Cordyceps Fungus – ‚Killerpilz‘

Es klingt unglaublich und erinnert an diverse Zombie-Apokalypsen, geschieht aber tatsächlich jeden Tag – in der Welt der Insekten. Doch obwohl der ‚Killerpilz‘ zu Filmen und Videospielen wie The Last of Us inspirierte, ist er für den Menschen (bisher) harmlos und wird sogar in der Medizin verwendet. Einen interessanten Artikel und ein beeindruckendes Video zum Pilz gibt es hier

Südamerikanischer Ochsenfrosch
Südamerikanischer Ochsenfrosch
Schlafende Eidechse bei Nacht
Schlafende Eidechse

Nach dieser faszinierenden Entdeckung bemerkten wir beim Weitergehen zuerst die großen Augen eines Südamerikanischen Ochsenfroschs, etwas darüber eine schlafende Eidechse und schließlich mit etwas Mühe sogar eine gut getarnte Stabschrecke. Letztere hätte man bei Tag wohl kaum von den Ästen unterscheiden können.

Stabschrecke bei Nacht
Getarnte Stabschrecke im Geäst

Als krönenden Abschluss konnten wir am Ende der Nachtwanderung dann noch einen wahren Meister der Fangtechnik bei der Jagd beobachten. Eine Kescherspinne! Mit ihrem neonblau leuchtenden Netz hing sie geduldig wartend im Geäst, allzeit bereit, ihr Opfer damit zu umschlingen. Wer diese faszinierende Spinne in Aktion sehen will, kann sich hier ein bisher einzigartiges Video anschauen. Wer sich vor Spinnen gruselt, sollte allerdings besser weder das Video anschauen noch nach Nahaufnahmen der Kescherspinne googeln. Alle anderen sollten unbedingt einen Blick auf ihre gespenstischen Augen werfen.

Deinopidae spider by night
Kescherspinne Deinopidae

Natürlich haben wir noch einige andere Tiere gesehen, von denen ich leider kein Foto machen konnte, da sie entweder zu schnell waren, oder es zu dunkel war. Auf jeden Fall dabei waren mehrere Grüne Leguane, Jungferngeckos, ein Helmbasilisk, ein RotkehlanolisEchte Radnetzspinnen, eine Cyclosa, mehrere Falltürspinnen, ein Wickelbär, Kapuzineraffen, ein Dreifinger-Faultier, ein Philander Opossum, Blattschneiderameisen und mehrere biolumineszente Pilze.

Rotaugenlaubfrosch bei Nacht
Grüner Rotaugenlaubfrosch

Auf wen ich trotz all der faszinierenden Tiere jedoch am meisten gehofft habe, war ein Rotaugenlaubfrosch. Und tatsächlich habe ich nach langem Suchen einen der süßen Frösche vor die Linse bekommen. 🙂

Fazit

Jedem, der sich für die selteneren, nachtaktiven Geschöpfe des Regenwaldes interessiert, kann ich eine Nachttour nur empfehlen! Es ist dafür gar nicht nötig und auch nicht empfehlenswert, sich in den tiefsten Regenwald zu wagen. Viele Tiere lassen sich schon am Waldrand entdecken. Mit Preisspannen von $ 30 – 50 gehören die Nachttouren zudem zu den erschwinglicheren Touren Costa Ricas.

Natürlich gibt es viele verschiedene Anbieter und ich kann leider keine Vergleiche ziehen. Im Nationalpark Corcovado verdient die Tour von Tracie und Gianfranco ihren guten Ruf allerdings auf jeden Fall zu Recht, weshalb ich die beiden hier gerne weiterempfehle. Da die Gruppen aber immer sehr klein sind und die beiden sehr gefragt, muss man sich früh genug um eine Reservierung kümmern.

Alles weitere zur Night Tour mit Tracie findet ihr hier: www.thenighttour.com

Was benötigt man für eine Nachttour im Regenwald?

  • feste, geschlossene Schuhe (es sind Schlangen, Spinnen, Ameisen und Co. unterwegs, also keine Sandalen!)
  • lange Hose oder hohe Strümpfe
  • Regenschutz (je nach Wetterlage)
  • Insektenspray (es gibt erstaunlich wenige Mücken, also nur für den Notfall einpacken)
  • Taschenlampe

Wie hat Dir die kleine Nachtwanderung gefallen? Wäre das etwas für dich oder hast Du vielleicht schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Erzähle es unten in den Kommentaren!

Viel Spaß im dunklen Dschungel und natürlich Pura Vida!

Jessi

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20 Kommentare

  1. Das hört sich total spannend, aber auch ein bisschen gruselig an ;D normalerweise habe ich keine Probleme mit einheimischen Spinnen, die dort sehen aber ganz schön riesig aus 😮
    Ich glaub ich hätte doch ein bisschen Panik gehabt 😀

    1. Haha ja, das kann ich verstehen 😀
      Ich bin eigentlich auch kein großer Spinnenfan, aber letztlich haben die viel eher Grund zur Panik vor uns als umgekehrt … und während der Nachtwanderung waren sie echt einfach faszinierend. 😉

  2. Hey Jessi, Hua, das wäre ja gar nicht meins. Ich habe auch mal nachts eine Wanderung im Peruanischen Dschungel gemacht, bin aber immer 2 Schritte zurückgegangen, wenn der Ranger irgendwas mit Krabbeltier gemacht hat – also Respekt… LG Anke

  3. Hallo Jessi,
    so eine schöne Wanderung bei der ich vermutlich sehr viel Angst haette. Ich brauche immer viel Licht, wenn ich nicht weiß, was um mich passiert! Aber hey, du bist seeeehr mutig! Wirklich tolle Eindrücke!

    Liebe Grüße,
    Alex.

    1. Hey Alex,
      Ohje dann wäre diese Wanderung auf jeden Fall nichts für Dich, da wird es nämlich wirklich stockdunkel.
      Aber hey, dafür hast Du ja meinen Bericht und kannst ihn bei Sonnenschein entspannt lesen. 😀
      Liebe Grüße! ?

  4. Super Fotos hast du da gemacht! Die machen richtig Lust auf so eine Nachtwanderung; auch wenn meine älteste Tochter die ganze Zeit am Kreischen wäre, höhö 😉

    LG
    Jenn

  5. Hallo Jessi,
    das klingt nach einem total spannenden Erlebnis. Wirklich faszinierend, was man alles entdecken kann, wenn man genau hinsieht. Allerdings hätte mich die Tour schon Überwindung gekostet – bei Spinnen & Co. halte ich normalerweise lieber Abstand. Im Dunkeln wäre da vermutlich sofort das Kopfkino angesprungen… 😉
    Liebe Grüße
    Katharina

    1. Hey Katharina,
      ja das war wirklich faszinierend. 🙂
      Wir haben uns aber ja auch nicht durch dichten Urwald gekämpft, sondern sind auf den Wegen geblieben. Da könntest Du also schon Abstand halten, wenn du möchtest. Und es waren ja auch süße Faultiere unterwegs 😀
      Liebe Grüße! ?

  6. Liebe Jessi,

    was für ein großartiger und interessanter Beitrag. Ich sitze staunend vor dem Monitor und bin ganz begeistert, was du alles entdeckt und vor allen Dingen vor die Linse bekommen hast. Echt großartig! Auf so einer Nachtwanderung scheint man wirklich so einiges zu entdecken. 🙂
    Danke für den Tipp!

    Viele liebe Grüße
    Kathi

  7. Hallo Jessi,
    cool, so eine Nachtwanderung würde ich auch gerne mal mitmachen. Okay, vor den Spinnen hätte ich ziemlichen Respekt 😉 Aber faszinierend, was da alles so kreucht und fleucht! Danke für den tollen Beitrag.
    Liebe Grüße,
    Marion

  8. Hallo Jessi,
    wow, tolle Fotos! Wobei ich gerade nicht weiß ob ich begeistert sein soll oder ich mich ekel. Aber sehr faszinierend. Mein Kollege hat die gleiche Tour gemacht und war genau so begeistert wie du.
    Danke für den schönen Beitrag.
    LG
    Ina

  9. Hallo Jessi,

    ich war 2010 in Costa Rica und habe keine Nachtwanderung gemacht – Das war wohl ein Fehler 😀 Deine Bilder sehen aus, als wäre das ein einzigartiges Erlebnis gewesen! Respekt! Der Frosch hätte mir sicher auch gut gefallen…

    Liebe Grüße,
    Barbara

  10. Hey Jessi,

    das ist ja mal eine Exkursion der anderen Art. Nicht immer auf der fotografischen Jagd nach den größeren Tieren sondern in der Welt der kleinen Lebewesen.

    Wie lange dauert etwa eine solche Nachtwanderung?

    Gruss Mario

    1. Hola Mario,
      Ja, auf jeden Fall eine neue Erfahrung und sehr empfehlenswert!
      So eine Nachtwanderung dauert ungefähr zwei bis drei Stunden, je nachdem wieviele Tiere man beobachten kann.
      Liebe Grüße! ?

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